Mit den Ohren lesen
Sehbehinderte und blinde Menschen lesen Bücher in Punktschrift oder als Hörbuch. Die beiden Blindenbibliotheken der CAB – für die Romandie die «Etoile Sonore» in Collombey und für die Deutschschweiz die BBL in Landschlacht – leihen solche Audiobücher aus und produzieren in ihren Tonstudios jedes Jahr zahlreiche neue Titel für ihre Kundschaft. Ein Besuch in der Blindenbibliothek in Landschlacht zeigt, wie ein neues Buch entsteht.
Die Geschichte der deutschsprachigen CAB-Bibliothek begann mit dem Verleih von Punktschriftbüchern. Ursprünglich von Klosterfrauen betreut, kam die Bibliothek Ende der 1960er-Jahre nach Landschlacht. Allmählich wurde die Punktschriftbibliothek durch Kassettenverleih ergänzt, für die Feriengäste im Blindenzentrum vor Ort und per Postversand für die HörerInnen zu Hause. Vor 20 Jahren wurde neben dem Blindenzentrum die neue Bibliothek gebaut, die mehr Platz für die Bücher bot, vor allem aber auch zwei Studios für die Aufsprache von Hörbüchern.
Heute arbeiten zehn professionelle SprecherInnen je einen Tag pro Woche im Tonstudio. Vier feste MitarbeiterInnen gehören zum Bibliotheksteam. Geleitet wurde und wird die Bibliothek mit wenigen Jahren Unterbruch von selbst Betroffenen. Der heutige Leiter, Urs Rehmann, ist blind, und die Mitarbeiterin, welche für Kundenkontakt und Versand zuständig ist, ist ebenfalls sehbehindert. Herr Rehmann erinnert sich an seinen Beginn vor 14 Jahren: «Damals konnten wir nebst zahlreichen Punktschriftbüchern lediglich knapp 1'000 Buchtitel auf Kassette anbieten. Heute sind es rund 4'100 Bücher.
Das markanteste Ereignis, seit ich hier arbeite, war die Umstellung auf digitale CDs. Nach anfänglicher Skepsis unserer Hörerschaft geniessen heute alle die gesteigerte Tonqualität und die Benutzerfreundlichkeit. Das weltweit bei Blindenhörbüchereien eingesetzte DAISY-Format erlaubt es nämlich, schnell und einfach zu bestimmten Punkten im Hörbuch zu springen – wie etwa zu Kapiteln, Unterkapiteln, Seiten usw. Das ist vor allem bei Sachbüchern eine wertvolle Hilfe für die HörerInnen. Die Sachbücher aus den Bereichen Biografie, Psychologie, Philosophie, Religion und Spiritualität machen rund einen Drittel unserer Eigenproduktionen aus.»

- Bibliothekssprecher bei der Arbeit
Ein Hörbuch entsteht
«Der Entscheid, ein bestimmtes Buch als Audiobuch zu produzieren, wird aufgrund von Buchbesprechungen, auf Wunsch eines Kunden oder auf Hinweis einer Sprecherin gefällt», erklärt Urs Rehman. «Zuerst wird geprüft, ob schon eine andere Blindenhörbücherei im deutschen Sprachraum dieses Werk aufgesprochen oder geplant hat. Dazu verfügen wir über ein internationales Bibliotheks-Netzwerk, über welches wir uns auch die Eigenproduktionen gegenseitig zugänglich machen, um so unseren HörerInnen ein breites Spektrum von Literatur anbieten zu können.
Nach dieser Überprüfung erstellt ein Mitarbeiter auf dem Computer eine dem gedruckten Buch entsprechende Struktur. Der Sprecher füllt im Tonstudio das digitale Buchgerüst mit seiner Aufsprache. Manchmal sind dazu Recherchen nötig, speziell wenn es um die korrekte Aussprache von Fachbegriffen und fremdländischen Namen geht. Auch die Umsetzung von Tabellen und Grafiken ist eine Herausforderung. Pro Stunde können bei fortlaufendem Text etwa 10 bis 15 Buchseiten aufgesprochen werden.
Wenn die Aufsprache abgeschlossen ist, kümmert sich ein Mitarbeiter um die Nachbearbeitung. Das bedeutet, dass die Aufnahme auf Vollständigkeit und Korrektheit hin geprüft wird. In einem nächsten Arbeitsschritt folgt die Audio-Bearbeitung. Dabei wird das Audiomaterial klanglich optimiert. Konkret heisst das beispielsweise, dass Rauschen reduziert wird oder zu scharfe S-Laute abgedämpft werden. Nach einer Endkontrolle ist nun die Master-Aufnahme im wave-Format fertig.
Für die Leserschaft wird das Audiobuch dann in MP3 umformatiert. Sobald das Hörbuch in unserer Bibliotheksdatenbank freigeschaltet ist, kann es von unseren KundInnen ausgeliehen werden. Diese erhalten das gewünschte Werk auf eine CD gebrannt per Post zugeschickt und senden es mit derselben Versandtasche auch wieder zurück. 2010 wurden so 7'500 Hörbücher bei uns ausgeliehen. Zweimal im Jahr informieren wir unsere KundInnen mit einer Info-CD über die Neuerscheinungen.»
Auf die Zukunftspläne angesprochen, ergänzt der Bibliotheksleiter: «Seit Anfang dieses Jahres ist eine neue Software-Version unseres Bibliotheksprogramms im Einsatz, welche uns eine teilautomatisierte Erfassung von Titeln erlaubt, die wir von andern Blindenhörbüchereien übernehmen. Damit beschleunigt sich dieser aufwändige Arbeitsschritt erheblich, sodass wir hoffen, schon recht bald rund 2'000 zusätzliche Titel anbieten zu können.» Auf seinen eigenen Hörbuchkonsum angesprochen, meint er schmunzelnd: «Ich höre gerne Audiobücher – natürlich am Abend nach Arbeitsschluss. Und unterwegs im Zug. In Punktschrift lese ich Sachbücher oder auch Gedichte. Früher las ich meiner Tochter Kindergeschichten vor. Romane höre ich mir nur noch in der Audioversion an. Gerade auf Reisen ist das wesentlich praktischer als ein voluminöses Punktschrift-Buch.»

- Das Hörbuch steht nun den blinden Kunden zur Verfügung

