Michel Chiarinotti ist als 25-Jähriger erblindet. Die Lebensqualität habe sich für ihn nicht geändert, sagt er. Nur den Lebensstil habe er anpassen müssen. Dieser gesunde Optimismus kommt auch
der CAB zugute: Der junge Walliser ist seit Mai 2026 engagierter Co-Präsident der CAB Schweiz.
Unter der grossen Uhr am Zürcher Hauptbahnhof strömen die Menschen vorbei – Köpfe gesenkt, Blicke aufs Handy gerichtet, niemand achtet auf die Leitlinien am Boden. Inmitten dieses Gewusels steht ein Mann, der alle überragt: Michel Chiarinotti, 1,95 Meter. Ruhig. Aufrecht. Ein Fels in der Brandung. Man könnte meinen, er beobachte das Treiben. Doch Michel sieht es nicht. Seine Sehkraft beträgt heute noch ein Prozent. Nach offizieller Definition gilt er damit als blind. Auf die Frage, ob ihn das hektische Treiben nicht ärgere, schmunzelt er und sagt: «Ja, manche Sehende sind blinder als ich.»
Schicksalsschläge in jungen Jahren

Michel Chiarinotti ist 1992 als Sohn eines Italieners und einer Schweizerin in Naters geboren. Eigentlich hätte er Michele heissen sollen – aber die Walliser Behörden hielten es für einen Mädchennamen. Die Familie – «la famiglia!» – bedeutet Michel viel. Seine jüngere Schwester Giulia und er sind ein Herz und eine Seele. Michel wuchs zweisprachig auf und spricht perfekt Deutsch und Italienisch.
«… und Walliserdütsch …», ergänzt er und lacht. Sein Humor blitzt während des Gesprächs immer wieder auf. Mit eineinhalb Jahren erkrankt er schwer an einem Virus im Halsbereich. Mit sechs Jahren erleidet er einen schweren Autounfall. Später führt eine blockierte Arterie zu einer rechtsseitigen Lähmung. 2017 veranlasst seine Augenärztin ein MRI, um ein lebensbedrohliches Aneurysma auszuschliessen. «Zum Glück war es kein Aneurysma, aber etwas stimmte nicht», erinnert sich Michel. Im Inselspital Bern entdeckt man einen kleinen Knochen, der auf beide Sehnerven drückt. Eine Operation ist zwingend, um eine vollständige Erblindung zu verhindern. Die Chancen stehen bei 10 Prozent. Der Eingriff im Juni 2018 gelingt. Seither lebt Michel mit einem Sehrest von einem Prozent. Ein Grund zu hadern? Er verneint: «Ich habe Glück gehabt. Immerhin erkenne ich Konturen sowie hell und dunkel.»
Das Abenteuer geht weiter

Michel hatte die Handelsmittelschule zweisprachig abgeschlossen und danach vier Jahre im Büro gearbeitet. Als die Sehkraft 2018 wegbricht, muss er sich beruflich verändern. Auch diesen Schritt geht er optimistisch an: «Sicher war es eine Umstellung, plötzlich fast nichts mehr zu sehen. Aber ich hatte in meinem Leben schon so viele Abenteuer überstanden, dann würde ich auch dieses meistern.» Seit Juni 2020 arbeitet er zu 100 Prozent als interkultureller Dolmetscher bei der Vermittlungsorganisation Forum Migration in Visp. Deutsch–Italienisch und Deutsch–Französisch: Er übersetzt nicht nur Sprachen, sondern vermittelt zwischen Menschen. Davon profitiert auch die CAB.
Wie die CAB in sein Leben kam

2018, kurz nach der Operation, sucht Michel Anschluss. Die Beratungsstelle des Blindenbundes empfiehlt ihm eine Begegnungsgruppe in Thun. Ein Mitglied der Gruppe macht ihn auf die Walliser Sektion der CAB aufmerksam. Nach einem Gespräch mit deren Präsidenten tritt er der Sektion St. Theodul bei. Für ihn ist schnell klar: Er will nicht nur teilnehmen, sondern gestalten. Besonders am Herzen liegt ihm die Integration junger Menschen mit Sehbehinderung, wie er erklärt: «Sie brauchen andere, die wissen, wie es sich anfühlt.» Er engagiert sich stark in der Sektion und übernimmt nach dem Rücktritt des Präsidenten dessen Nachfolge. Als er im Mai 2026 auch noch zum Co-Präsidenten der CAB Schweiz auf nationaler Ebene gewählt wird, ist das keine Überraschung. Für ihn ist die CAB mehr als eine Organisation, die Kurse und Beratung anbietet. Sie ist eine Gemeinschaft.
Ein Mensch, der Mut macht
Der Fitnessbegeisterte nimmt auch selbst an CAB-Kursen teil. Dank der 1:1-Begleitung durch Freiwillige kann er dort Aktivitäten unternehmen, die alleine nicht möglich wären – wie etwa die Wanderwoche in Lugano. Auch der Austausch ist ihm wichtig: «Man ist nicht allein. Und man muss nicht immer erklären, wie es einem geht – die anderen wissen es.»
Wer Michel begegnet, merkt schnell: Dieser Mann strahlt etwas aus. Eine Ruhe, die nicht aus Resignation kommt, sondern aus echter innerer Stärke. Er zeigt durch sein Leben, dass Blindheit nicht das Ende von Selbstständigkeit, Humor und Tatendrang ist. Wahre Grösse misst sich eben nicht in Zentimetern, sondern in einer Haltung. Michel – oder Michele, wie er sich gerne selbst nennt – ist sowohl physisch als auch menschlich ein ganz Grosser. Grande Michele!

Text: Erica Sauta, Bilder: Jiří Vurma
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